Derivate und Termingeschäfte

Derivate (derivative Finanzinstrumente) sind - wie die Bezeichnung bereits andeutet - Finanzinstrumente, deren Wert vom Marktpreis eines oder mehrerer Basisinstrumente (Wertpapiere, Rohstoffe, Devisen oder Marktindizes) abgeleitet ist.

Es gibt zwei Haupttypen von Derivaten:

1. Futures: Bei einem Future-Geschäft verpflichten sich Käufer und Verkäufer, eine genau spezifizierte Menge und Art von Devisen, Wertpapieren oder Rohstoffen zu einem bereits bei Abschluß des Geschäftes festgelegten Zeitpunkt und Preis zu kaufen bzw. verkaufen.

2. Optionen: Bei einer Kaufoption (Call) erwirbt der Käufer gegen Zahlung einer Prämie das Recht, innerhalb einer bestimmten Frist eine festgelegte Anzahl von Wertpapieren zu einem festen Bezugspreis zu kaufen. Der Käufer des Calls macht einen Gewinn, wenn am Ende der Optionsfrist der Wertpapierkurs über dem Bezugspreis liegt. Bei einer Verkaufsoption (Put) erwirbt der Käufer das Recht, Wertpapiere zu verkaufen und kann so beispielsweise den Kurs seiner Wertpapiere nach unten absichern, ohne auf die Chancen durch Kurssteigerungen zu verzichten. Im Gegensatz zum Future hat bei einer Option der Käufer der Option ein bestimmtes Recht erworben und seine Verluste auf die Höhe der Optionsprämie begrenzt. Der Wert einer Option hängt ab von Bezugspreis, aktuellem Wertpapierkurs, Zinsniveau, Laufzeit und Kursvolatilität des Wertpapiers.
 

Nach Angaben der Deutschen Bundesbank (Monatsbericht November 1994) beläuft sich der Nominalwert der ausstehenden Geschäfte mit derivativen Finanzinstrumenten im DM-Bereich auf über 8.200 Mrd. DM; das ist rund zweieinhalb mal soviel wie das deutsche Bruttosozialprodukt. Der Markt wuchs in den letzten Jahren rasant: seit 1990 um durchschnittlich 53% jährlich.

Die ökonomische Bedeutung der Derivate besteht darin, daß sie eine Möglichkeit bieten, das Risiko von Preisänderungen bei Wertpapieren, Devisen oder Rohstoffen eigenständig zu bewerten und (bei geringen Transaktionskosten) zu handeln. Grundsätzlich sind Derivate somit ökonomisch sehr sinnvoll, weil sie eine bessere volkswirtschaftliche Risikoverteilung bewirken können und die Markteffizienz verbessern. Dies soll das Beispiel eines einfachen Future-Geschäftes verdeutlichen:

Angenommen, eine Goldminen Aktiengesellschaft produziert Gold mit Kosten von $ 340 pro Unze, und der momentane Marktpreis für eine Unze Gold betrage $ 390. Das Unternehmen kann jedoch nicht davon ausgehen, im folgenden Geschäftsjahr sicher $ 50 pro produzierter Unze zu verdienen, weil der Marktpreis sich ändern könnte. Steigt der Marktpreis, steigt der Gewinn und umgekehrt. Da der Vorstand (wegen der schwachen Eigenkapitalausstattung) bei Goldpreisen unter $ 340 die Existenz des Unternehmens gefährdet sieht, möchte er das Risiko durch die möglichen Goldpreisschwankungen reduzieren. Dazu verkauft er sofort die gesamte erwartete Goldproduktion (z.B. 1 Mio. Unzen) des nächsten Jahres "auf Termin" zu einem Festpreis von $ 390 (Future-Geschäft). Damit erhält das Unternehmen z.B. nach einem Jahr für die Lieferung von 1 Mio. Unzen - unabhängig vom dann gültigen Goldpreis - 390 Mio. Dollar. Entsprechend wäre auch eine Absicherung gegenüber Wechselkursschwankungen möglich. Auf der anderen Seite verpflichtet sich der Future-Käufer dazu, 1 Mio. Unzen Gold zum vereinbarten Termin zum Preis zu je $ 390 zu kaufen, beispielsweise weil er annimmt, daß der Goldpreis steigen wird, und er folglich zu diesem Termin das Gold zu einem höheren Preis weiterverkaufen kann. Liegt der Goldpreis dann tatsächlich über $ 390, entsteht ein Gewinn für den Käufer; bei Preisen unter $ 390 ein Verlust. Der Future-Käufer, der das Gold nicht wirklich benötigt, sondern nur kauft, weil er steigende Preise erwartet, trägt nun das Risiko. Für mittelständische Unternehmen kann der Einsatz spezieller Derivate interessant sein, um sich beispielsweise gegen das Risiko steigender Fremdkapitalzinsen abzusichern.

Wichtig ist, daß der Future-Käufer aber nicht den gesamten potentiellen Kaufpreis vorweisen muß, sondern beispielsweise nur 3% davon. Folglich erzielt der Käufer bereits 100% Rendite auf diesen 3%igen Einsatz, wenn der Goldpreis um 3% steigt. Dieser Hebel wirkt natürlich auch umgekehrt: ein Rückgang des Goldpreises um 30% führt zu einem Verlust, der 10mal höher ist als der ursprüngliche Kapitaleinsatz. Dieses Risiko von Verlusten, die den eigentlichen Kapitaleinsatz um ein Vielfaches übersteigen, ist der englischen Barings Bank zum Verhängnis geworden. Durch die von ihr eingegangenen Futures wurde aus Spekulationsgründen ein Risiko übernommen, das gefährlich groß war.

Diese Möglichkeit, daß Marktteilnehmer eine für sie zu große Risikomenge übernehmen - und dabei möglicherweise in Konkurs gehen - stellt eines der Probleme des Derivaten-Handels dar.

Das zweite Problem besteht darin, daß durch die Hebelwirkung derivativer Finanzinstrumente mit relativ kleinem Geldeinsatz erhebliche Wertpapier-, Devisen oder Rohstoffpositionen bewegt werden können, was stärkere Preisschwankungen an den Märkten auslösen kann. Die momentan beobachtbaren Devisenkursschwankungen werden maßgeblich durch den spekulativen Einsatz von Derivaten ausgelöst.

Schließlich könnten Derivate auch die Wirksamkeit der Geldpolitik der Zentralbanken beeinträchtigen, weil beispielsweise durch eine Kursabsicherung einer Bundesanleihe mittels eines Futures "künstliches" (risikoloses) Termingeld entsteht, das aber in der Geldmenge M3 - im Gegensatz zum "echten" Termingeld - nicht enthalten ist. Die Geldmenge M3 verliert so an Aussagekraft.