Kausale Abhängigkeiten in der deutschen Volkswirtschaft

Die wirtschaftspolitische Diskussion in der Öffentlichkeit ist maßgeblich dadurch geprägt, wie mehr Beschäftigung erzielt werden kann. Kontroverse Meinungen existieren dazu, ob weitere Zinssenkungen, niedrigere Löhne oder höhere staatliche Ausgaben zu mehr Beschäftigung führen oder nur Inflation auslösen.

Wir bieten Ihnen einen Überblick über die volkswirtschaftliche Grundlagen zu diesem Thema.

Die wichtigen wirtschaftspolitischen Ziele - Preisniveau und Beschäftigung - hängen von angebotsseitigen Faktoren (z.B. Lohnniveau, Ausstattung der Volkswirtschaft mit Kapital) und nachfrageseitigen Faktoren (z. B. staatliche Güternachfrage, Export-Nachfrage) ab. Ein sinkendes Angebot führt im allgemeinen zu geringerer Beschäftigung und steigenden Preisen. Eine sinkende Nachfrage bewirkt üblicherweise ebenfalls eine geringere Beschäftigung, aber sinkende Preise.

Die nachfolgend vorgestellten ökonomischen Theorien haben unterschiedliche Vorstellungen über die Wirkungen der Geldpolitik einer Zentralbank (Zins- oder Geldmengenänderungen) oder der Fiskalpolitik des Staates (Staatsausgaben) auf Inflation und Beschäftigung.

In der Klassisch-Neoklassischen Theorie haben monetäre Impulse - Änderungen der Geldmenge oder der Zinsen - nur eine „nominale Wirkung“, d. h. sie beeinflussen nur das Preisniveau (die Inflationsrate). Der Grund liegt in der Annahme völlig flexibler Preise. Dadurch stellt sich immer der Reallohn ein, der Vollbeschäftigung garantiert: es wird immer ein konstantes, von nicht-monetären Faktoren bestimmtes Vollbeschäftigungsvolkseinkommen produziert.

Beispielsweise führt ein Anstieg der nominalen Löhne (und damit zunächst auch der realen Löhne) sofort zu Entlassungen. Beim angenommenen funktionierenden Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt sinken die Nominallöhne aufgrund des Überangebots wieder. Ein anhaltender Preisniveauanstieg tritt nicht ein.

Ein Anstieg der Nachfrage des Staates (höhere Staatsausgaben) führt zu steigenden Zinsen, weil der Staat diese zusätzlichen Ausgaben durch Wertpapieremission finanziert. Die steigenden Zinsen senken die Investitionsbereitschaft der Unternehmen und den Konsum der privaten Haushalte genau im Umfang der zusätzlichen Staatsnachfrage (Verdrängung der privaten Nachfrage durch die staatliche Nachfrage: „Crowding-out-Effekt“). Zusätzliche Staatsnachfrage führt also über steigende Zinsen zu einer Änderung der Nachfragestruktur, nicht aber zu einer höheren Gesamtnachfrage, höherer Beschäftigung oder einem höheren Preisniveau.

In der Keynesianischen Theorie haben monetäre Impulse i.d.R. eine reale Wirkung, weil Änderungen des Reallohnes möglich sind. Der Grund liegt in der Annahme, daß die Nominallöhne immer verzögert auf Preisniveauänderungen reagieren. In dieser Theorie gibt es eine bestimmte konstante Inflationsrate (verursacht durch eine von der Zentralbank gesteuerte Geld-mengenexpansion), die fest zusammenhängt mit einem bestimmten Volkseinkommen (das wiederum gleichbedeutend ist mit der Beschäftigung). Dargestellt wird dieser Zusammenhang zwischen (der durch die Geldpolitik bedingten) Inflation und Arbeitslosigkeit in der Phillips-Kurve. Im Prinzip kann man wählen zwischen hoher Inflation oder hoher Arbeitslosigkeit. In neuen Modellen wird gezeigt, daß sowohl eine Wirkung der Arbeitslosigkeit über die Reallöhne auf die Inflation (Kostenüberwälzung) besteht, als auch eine umgekehrte Wirkung der Inflation über die Produktion (sinkende Reallöhne führen zu Produktionsausweitung) auf die Arbeitslosigkeit. Z. B. führt weniger Beschäftigung zu niedrigeren Löhnen und damit auch zu niedriger Inflation.

Preisniveauänderungen resultieren hier, im Gegensatz zur neoklassischen Theorie, nicht nur aus Geld-mengenänderungen. Ein Anstieg der Staatsnachfrage führt ebenfalls zu steigenden Preisen und Zinsen. Während im klassisch-neoklassischen Modell die Geldnachfrage nicht zinselastisch ist (also nicht auf Zinsänderungen reagiert), geht im keynesianischen Modell nun die Nachfrage nach Geld zurück, was den Zinsanstieg dämpft und den Crowding-out-Effekt abschwächt. Insgesamt steigt so die reale Nachfrage (im Falle der Unterbeschäftigung) und damit das Preisniveau, wobei die folglich sinkenden Reallöhne zu einer genau entsprechenden Angebotsausweitung (Mehrproduktion) und damit auch zu Mehrbeschäftigung führt. Diese Vorstellung einer staatlich gestützten Mehrnachfrage, die Arbeitsplätze schafft, war vor allem in den siebziger Jahren in der Politik weit verbereitet.

Auch die angebotsseitigen Faktoren bewirken in der keynesianischen Theorie - ebenso wie die Geldmenge - Preisniveauänderungen. So verursacht ein Nominallohn­anstieg (z. B. aufgrund von Tarifverhandlungen) steigende (Grenz-)Kosten der Produktion, was die gewinnmaximierenden Unternehmen zu einer Reduzierung des Güterangebots veranlaßt. Der daraus entstehende Nachfrageüberhang führt zu steigenden Preisen. Wegen der (kurzfristig) inflexiblen Nominallöhne kommt es trotz der entstehenden Arbeitslosigkeit nicht (sofort) zu einer Korrektur der Nominallöhne. Reallohnsenkungen werden insbesondere durch Inflation verursacht.

Die Monetaristen (z.B. Friedman) gehen davon aus, daß Reallohnänderungen infolge einer durch eine (konstante) Geldmengenexpansionsgeschwindigkeit aus­gelösten Inflation nur kurzfristig Bestand haben, weil die Arbeitnehmer auf die gesunkenen Reallöhne mit höheren Nominallohnforderungen reagieren werden. Bei einer sog. „adaptiven (vorausschauenden) Erwartungsbildung“ werden sie sogar aus den Erfahrungen der Vergangenheit lernen und die Nominallöhne von Periode zu Periode "vorsorglich" um die letzte festgestellte Inflationsrate anheben. Nur Änderungen der Inflationsrate haben damit eine reale Wirkung auf die Beschäftigung. Aus dieser Theorie läßt sich kein stabiler Zusammenhang zwischen Inflation und Volkseinkommen bzw. Arbeitslosigkeit (PHILLIPS-Kurve) ableiten.

Die Neuklassische Theorie führt die Annahmen einer rationalen Erwartungsbildung der Wirtschaftssubjekte und einer ständigen Markträumung (flexible Preise) ein. Gemäß der Hypothese der rationalen Erwartungen nutzen die Wirtschaftssubjekte alle verfügbaren Informationen, um damit bestmöglich zu prognostizieren.

Z. B. wird gemäß der Keynesianischen Theorie der beschäftigungsfördernde Effekt einer Geldmengenausweitung (durch die Zentralbank) mit der Zeit durch wieder steigende Zinsen infolge von Preisanstieg und Zunahme der Wirtschaftstätigkeit teilkompensiert. Falls die Wirtschaftssubjekte jedoch rationale Erwartungen bilden, werden sie die Preisänderungen vorhersehen und sofort darauf reagieren (steigende Nominalzinsen und höhere Nominallöhne). Reallöhne und -zinsen bleiben unverändert; eine Wirkung auf die Güterwirtschaft bleibt aus. Real-wirksam sind folglich nur unvorhergesehene monetäre (oder andere) Impulse. Alle vorhergesehenen monetären Impulse haben nur eine Preiswirkung.

Auch wenn die Hypothese der rationalen Erwartungen ebenfalls Bestandteil der Neokeynesianischen Theorie ist, läßt sie reale Wirkungen von monetären Impulsen zu, weil hier angenommen wird, daß die Preise sich langsamer ändern als die Mengen. Als Gründe für die relativ starren Preise und Löhne gelten unter anderem die bestehenden Verträge (z.B. Tarifverträge).

Insgesamt zeigen sich einige wesentliche Differenzen bei der Beurteilung der volkswirtschaftliche Zusammenhänge. Übereinstimmend wird gesagt, daß eine Geldmengenausweitung zu­mindest langfristig eine gleichgerichtete Preisniveauänderung (Inflation) bewirkt. Die Chancen des Staates kurzfristig die Arbeitslosigkeit zu beeinflussen, werden jedoch sehr unterschiedlich bewertet.

Kausalstruktur der deutschen Volkswirtschaft

Ergänzend zur theoretischen Diskussion werden nachfolgend die wichtigsten Ergebnisse einer empirischen Untersuchung von Dr. Werner Gleißner mittels Kovarianzstrukturanalyse („Notwendigkeit, Charakteristika und Wirksamkeit einer Heuristischen Geldpolitik“, 1997) zu den Wirkungszusammenhängen in der deutschen Volkswirtschaft zusammengefaßt und grafisch dargestellt. Jeder Pfeil bedeutet in der folgenden graphischen Darstellung des Kausalstrukturmodells "hat direkte Wirkung auf". Zu jedem Pfeil ist angegeben, ob der geschätzte Parameter (Pfadkoeffizient) ein positives oder negatives Vorzeichen hat.

Variablenübersicht zum Kausalstrukturmodell

[Anmerkung zu den Variablen: LXt = X t-1 :: DX = ln(X t)- ln(X t-1)]

Kurzbezeichnung Erläuterung
DAST Wachstum der nom. Staatsausgaben
DBSPR, LDBSPR, L2DBSPR Wachstum realen dt. Sozialproduktes
DDOLLAR, LDDOLLAR Änderungsrate des Dollar (in DM)
DEXMI, L2DEXMI Wachstum des realen Welthandels
DINF Änderung der Inflationsrate
DZGM, L4DZGM Änderung der dt. Geldmarktzinsen 
DZUS, LDZUS Änderung der amerikanischen Zinsen
L3DLOHN, L4DLOHN Wachstumsrate der dt. Tariflöhne
LD2PIMX Änderung der Wachstumsrate der deutschen Importpreise

Neben dem unverzögerten positiven Einfluß des Welthandelsvolumens zeigt sich eine um drei Quartale verzögerte positive Wirkung der Löhne auf das reale Wachstum des deutschen Bruttosozialproduktes. Die Inflation wird durch die (jeweils um ein Quartal verzögerte) positive Wirkung von Wirtschaftswachstum und Dollarkurs beeinflußt. Das Wirtschaftswachstum steht dabei für eine Nachfragesoginflation. Der Dollarkurs ist ein Indikator für eine angebotsseitige Kostendruckinflation, weil z. B. ein steigender Dollar die deutschen Importpreise erhöht. Die Importpreise in ausländischer Währung zeigen eine mit einem Quartal verzögerte positive Wirkung auf die Inflation. Der Dollarkurs wird belegbar nur durch außenwirtschaftliche Faktoren, insbesondere die amerikanischen (nicht aber die deutschen) Zinsen beeinflußt. Insgesamt entspricht die hier ermittelte Struktur der Volkswirtschaft eher den keynesianischen oder monetaristischen Vorstellungen als den Neu-Klassikern. Eine beschäftigungsfördernde Wirkung von Staatsausgaben läßt sich aber nicht belegen.

Das Verhalten der Deutschen Bundesbank

Es zeigt sich, daß die Bundesbank mit steigenden Geldmarktzinsen auf einen steigenden amerikanischen Dollar (unverzögert), auf ein steigendes reales Sozialprodukt (zwei Quartale Verzögerung), auf steigende deutsche Staatsausgaben (unverzögert) und auf steigende amerikanische Geldmarktzinsen (ein Quartal Verzögerung) reagiert. Interessant ist auch, daß die Inflation keinen signifikanten direkten Einfluß auf die Geldmarktzinsen zeigt, obwohl die Preisniveaustabilität das primäre Ziel der Bundesbank ist. Doch ist dies durchaus plausibel, weil die Geldpolitik verzögert wirkt. Die Bundesbank handelt nicht erst, wenn die Inflation bereits aufgetreten ist, sondern sie reagiert bereits auf (nachfrageseitige) Inflationsursachen, wie das Wirtschaftswachstum. Sie reagiert aber nicht auf wesentliche Auslöser einer Kostendruckinflation (z. B. Tariflöhne und Importpreise), weil sie möglicherweise befürchtet, durch diese Faktoren ausgelöste negative Konsequenzen für das Wirtschaftswachstum zu verstärken. Grund­sätzlich ist das an der Geldwertstabilität orientierte Konzept einer unabhängigen Bundesbank ein leistungsfähiges Vorbild für die neue Europäische Zentralbank.